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Mapuche
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Die Mapuche (frĂŒher zusammen mit benachbarten Völkern Araukaner genannt) sind ein indigenes Volk SĂŒdamerikas. Ihr angestammtes Gebiet erstreckt sich auf die Staaten Chile und Argentinien. Die Mapuche teilen sich in diverse RegionalidentitĂ€ten auf, so zum Beispiel die Picunche (Menschen des Nordens), die Huilliche (Menschen des SĂŒdens), die Lafkenche (Menschen des Meeres), die Wenteche (Menschen der TĂ€ler) und die Pehuenche (Menschen der Andentanne), die die bekannteste und gröĂte Gruppe bilden. Die Picunche wurden bereits in vorkolumbischer Zeit von den Inka unterworfen und als Fronarbeiter eingesetzt, wobei die Landstrukturen allerdings bestehen blieben.cite-ref-1[1] Die Huilliche waren bis ins 13. oder 14. Jahrhundert JĂ€ger und Sammler, bevor sie ergĂ€nzend dazu einen begrenzten Gartenbau einfĂŒhrten. Der reiche Wildbestand und PinienfrĂŒchte lieferten nach wie vor die wichtigste Subsistenzbasis. Im 16. und 17. Jahrhundert gingen sie zu Ackerbau (Weizen, Kartoffel) und Viehzucht (Lama, Rind, Schaf, Pferd) ĂŒber.cite-ref-lindig-u-m-nzel-2-0[2]
Die Mapuche (genauer: die Pehuenche und Teile der Huilliche) widersetzten sich der spanischen Kolonisation mit erbitterter und â im Gegensatz zu den meisten anderen indigenen Völkern Amerikas â ĂŒber 300 Jahre langer erfolgreicher Gegenwehr. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an etablierten die Mapuche einen eigenen Staat (zum Teil nach spanischem Vorbild), der bis 1883 Bestand hatte. Seitdem besteht teilweise unter den Mapuche die Bestrebung, wieder die UnabhĂ€ngigkeit zu erlangen, was bis heute zu Konflikten fĂŒhrt.cite-ref-0-3-0[3]
Contents
âą Etymologie
âą Geschichte
âą 20. Jahrhundert
âą 21. Jahrhundert
âą Kultur
âą Kalender
âą Handwerk
âą Hausbau
âą Kleidung
âą Landwirtschaft
âą Literatur
âą Musik
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Etymologie
Die Bezeichnung âMapucheâ verwenden die Angehörigen seit der zweiten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts. Der Begriff wird auch genutzt, um sich von anderen gesellschaftlichen Gruppen abzugrenzen. Die Bezeichnung der Spanier lautete âAraukanerâ und wurde nach der UnabhĂ€ngigkeit von der spanischen Krone zunĂ€chst von den Chilenen ĂŒbernommen, wenn sie sich auf gesellschaftliche Gruppen sĂŒdlich des Flusses BĂo BĂo bezogen. Anfang der 1980er Jahre verlangten die Mapuche vom chilenischen Staat und der chilenischen Gesellschaft, die Bezeichnung Araukaner nicht mehr zu verwenden.cite-ref-bpb-4-0[4]
Geschichte
Vorkolumbische Kultur
Den Mapuche gelang es als einzigem indigenen Volk Amerikas ĂŒber lange Zeit hinweg, sich der Kolonisation durch die Spanier zu entziehen und ihre UnabhĂ€ngigkeit zu bewahren. Ihr Siedlungsgebiet erstreckte sich vom RĂo Choapa im mittleren Norden Chiles bis zur Insel ChiloĂ©, es hatte also eine Nord-SĂŒd-Ausdehnung von etwa 1600 Kilometern. In der Sprache der Mapuche, dem Mapudungun, bedeutet Mapu Erde und Che so viel wie Mensch. Die Mapuche nennen sich selbst, wie viele andere indigene Volksgruppen, âMenschen der Erdeâ.
âMapucheâ als identitĂ€rer Oberbegriff fĂŒr die verschiedenen RegionalidentitĂ€ten entwickelte sich erst im 17. und 18. Jahrhundert in Abgrenzung zu den âWinkasâ (< ue ingka, âneue Inkasâ), den Fremden, wie zunĂ€chst die spanischen Kolonisatoren und spĂ€ter die chilenische Mehrheitsgesellschaft bezeichnet wurde. Die Eigenbezeichnung als âMapucheâ ist somit als Resultat von Widerstands- und Reorganisationsprozessen unter dem Einfluss der Spanier zu verstehen.cite-ref-5[5] Die Mapuche sehen sich als eine Volkseinheit, Jeqmonche genannt, die sich in mehrere nach geografischen Herkunftsgebieten benannte Gruppen gliedert. Bei den vorkolonialen Mapuche handelte es sich um Halbnomaden, die nur in geringem MaĂe Land- und Viehwirtschaft betrieben. Sie lebten in zahlenmĂ€Ăig kleinen FamilienverbĂ€nden, so genannten Lofche, die autarke und autonome Einheiten bildeten. Sie kannten weder gröĂere Dörfer noch StĂ€dte. Auch das Rad war unbekannt. Ihr Land verwalten die Mapuche noch heute in Gemeineigentum.cite-ref-der-spiegel-6-0[6]
Das vorkolumbische Volk der Mapuche wird in der heutigen Literatur teilweise auch âReche-Mapucheâ genannt, was so viel bedeutet wie âursprĂŒnglicheâ oder âauthentischeâ Mapuche, von Mapudungun Re (rein, unvermischt, unverfĂ€lscht) und Che (Mensch). Die Reche-Mapuche besaĂen nach Darstellungen einiger Autoren bis zum Auftauchen der spanischen Kolonisatoren eine gesellschaftliche Struktur, die frei von jeglicher Herrschaft war und keine festen territorialen Grenzen oder Barrieren zwischen den gesellschaftlichen Schichten kannte. Ordnung wurde durch soziale Bindungen wie Verwandtschaften oder Allianzen hergestellt, die frei eingegangen werden konnten.cite-ref-kaltmeier-7-0[7] Diese Deutung des Gesellschaftsmodells der Mapuche als einer dem Anarchismus nahestehenden Form des Zusammenlebens, die auch von Vertretern der Mapuche selbst verfochten wird, kritisiert an der neuzeitlichen politischen Anthropologie, dass sie keine Gesellschaft ohne Herrschaft denken konnte und die herrschaftsfreien Gesellschaften des amerikanischen Doppelkontinents deshalb stets nur im Hinblick auf FunktionstrĂ€ger wie âHĂ€uptlingeâ (etwa die temporĂ€ren KriegshĂ€uptlinge der Mapuche) oder (auch als PriesterĂ€rztecite-ref-8[8] tĂ€tige) Machi (weibliche oder homosexuelle âSchamanenâ)cite-ref-lindig-u-m-nzel-2-1[2] untersucht habe. In der ursprĂŒnglichen Mapuche-Gesellschaft hĂ€tten derartige Personen zwar durchaus ĂŒber Macht (im Sinne von Einfluss), nicht aber ĂŒber die zur Durchsetzung von tatsĂ€chlicher Herrschaft nötigen Zwangs- und Gewaltmittel verfĂŒgt. Wer sich ihnen nicht beugen wollte, ging eigene Wege und wurde in Ruhe gelassen. Auch gab es bei den Reche-Mapuche keine universelle Gottesfigur. Anders als Maya und Azteken kannten sie keine zentralen Gottheiten und ReprĂ€sentationsinstanzen der religiösen SphĂ€re, die von allen vorbehaltlos anzuerkennen waren.cite-ref-kaltmeier-7-1[7]
So sahen denn auch die spanischen Konquistadoren in den Mapuche eine Art Gegenbild zum eigenen, straff hierarchisch organisierten System: âSie haben kein Oberhaupt, sie erkennen keine Obrigkeiten an, sie haben keine Schriftsprache, sie haben kein Gesetz, ihnen fehlen Glaube und Ansehenâ (Holdenis Casanova Guarda)cite-ref-9[9]
Die kirchlich und kolonial geprĂ€gte, ethnnozentrische Sicht stellte die Mapuche oft als âMangelgesellschaftâ dar â also als Gesellschaft ohne Staat, ohne Schrift, ohne Geschichte und ohne Markt. Diese Perspektive wird der RealitĂ€t aber nicht gerecht. Sie ĂŒbersieht, dass die Mapuche ihre natĂŒrliche Umwelt sehr erfolgreich nutzten und beherrschten â und zwar so, dass es zu ihrer Lebensweise und ihren BedĂŒrfnissen passte. Zudem ist die ĂŒbliche Vorstellung gesellschaftlicher âEntwicklungâ, die davon ausgeht, dass wirtschaftliche Entwicklung automatisch mit dem Aufbau politischer Machtstrukturen einhergeht, nach heutiger Meinung nicht geeignet, um solche Gemeinschaften richtig zu verstehen.
Kolonisation durch die Spanier ab 1536
Die seit 1536 eindringenden Spanier wurden â wie zuvor die Inkas â erbittert bekĂ€mpft. Sehr schnell und viel gezielter als etwa die nordamerikanischen Indianer ĂŒbernahmen die Araukaner das Pferd durch systematischen Diebstahl und erlernten die Reitkunst und Zucht der Tiere. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich eine kriegerische sĂŒdamerikanische Reiterkultur, die es vollbrachte, jahrhundertelang als antikolonialer Gegenstaat (der viel von den Spaniern kopierte) zu bestehen.cite-ref-motz-10-0[10]
1546 trafen spanische Konquistadoren unter Pedro de Valdivia am Fluss BĂo BĂo erstmals auf die Mapuche, die die Kolonisatoren zunĂ€chst erfolgreich am Aufbau einer Festung hinderten. Erst 1550 gelang es den Spaniern, die Stadt ConcepciĂłn zu grĂŒnden. Die Mapuche entschlossen sich daraufhin zum Krieg. Im Dezember 1553 kam es zur Schlacht von Tucapel, die mit einem Desaster fĂŒr die Spanier endete und in der Valdivia selbst zu Tode kam. Unter ihrem gemeinsamen KriegshĂ€uptling, dem Toki (âBeilâ) Lautaro zerstörten sie von 1554 bis 1556 in mehreren Angriffswellen eine Reihe von StĂŒtzpunkten, darunter auch die Festung Arauco und die befestigte Stadt ConcepciĂłn, wurden dann aber auf dem Marsch nach Santiago de Chile in der Schlacht bei Peteroa (1. April 1557) von Francisco de Villagra bei einem nĂ€chtlichen Ăberraschungsangriff geschlagen, bei dem auch Lautaro ums Leben kam. Der neue Gouverneur GarcĂa Hurtado de Mendoza unternahm ab Sommer 1557 einen weiteren Feldzug nach SĂŒden, der jedoch nach mehreren verlustreichen Gefechten ins Stocken kam und schlieĂlich abgebrochen werden musste. Arauco konnte allerdings wieder besetzt werden und wurde endgĂŒltig erst 1723 von den Mapuche ĂŒberrannt. Lautaros Nachfolger CaupolicĂĄn wurde von den Spaniern gefangen und grausam getötet. Er diente dem spanischen Schriftsteller Alonso de Ercilla y ZĂșñiga, der den Feldzug selbst miterlebte, als Vorbild fĂŒr seinen 1569 veröffentlichten Versroman La Araucana. Auch der Chronist Pedro Mariño de Lobeira beschreibt in seiner âChronik des Königreichs Chileâ (CrĂłnica del Reino de Chile, erschienen 1595) die KĂ€mpfe mit den Mapuche aus der Sicht der Eroberer anschaulich.
In der Folgezeit zerstörten die Indianer die meisten der von Siedlern gegrĂŒndeten Ansiedlungen im SĂŒden des Landes und verhinderten damit eine weitere Kolonisierung Chiles nachhaltig. Zu einem weiteren groĂen Aufstand kam es in den Jahren von 1598 bis 1604, nachdem die Huilliche die spanischen Truppen 1598 in der Schlacht von Curalaba noch einmal vernichtend geschlagen hatten. Dabei war auch der spanische Gouverneur Chiles, MartĂn GarcĂa Ăñez de Loyola, getötet worden. Die spanische Verwaltung in SĂŒdchile konnte sich danach nur noch auf der Insel ChiloĂ© halten.
Die Mapuche erkannten sehr schnell, dass die Spanier nur erfolgreich zu bekĂ€mpfen waren, wenn man sie mit ihren eigenen Mitteln schlug. Daher ĂŒbernahmen sie neben der Reitkunst zahlreiche spanische Kulturelemente und errichteten eine Gesellschaft, die auf streng militĂ€rischer Erziehung und systematischer âHassentwicklungâ gegen die Spanier beruhte: So wurden gefangene Spanier bereits durch Kinder gefoltert, gedemĂŒtigt, vergewaltigt und schlieĂlich getötet und verspeist. Auch das Christentum konnte sich bis zum Ende des Mapuche-Staates nicht ausbreiten. Selbst Araukanern drohte bei Ăbernahme des neuen Glaubens der Tod.cite-ref-lindig-u-m-nzel-2-2[2]
Der andauernde Widerstand der Ureinwohner zwang die Spanier 1641 zur Anerkennung einer unabhĂ€ngigen Mapuche-Nation im Vertrag von QuillĂn. Darin wurde der BĂo-BĂo-Fluss als faktisch schon seit 1602 bestehende Grenze zum Mapuchegebiet festgeschrieben und dem Volk der Mapuche SouverĂ€nitĂ€t zugebilligt. Wenngleich sie in den Augen der Spanier unabhĂ€ngige Vasallen des spanischen Königreichs waren, bleibt dies ein in der Geschichte indigener Bevölkerungen in SĂŒdamerika einzigartiger Vorgang. Auch, dass mit dem Gouverneur von Chile, Francisco LĂłpez de ZĂșñiga, ein spanischer Adliger auf Augenhöhe mit indigenen Gruppen verhandelte, war revolutionĂ€r.cite-ref-11[11] Zwar kam es auch danach immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen und Eroberungsversuchen, doch hatte die Grenzziehung im Wesentlichen bis zum Ende der Kolonialzeit Bestand.
In dieser Zeit erweiterten die Mapuche ihren Siedlungsraum allmĂ€hlich ĂŒber die Anden nach Osten, wo sie verwilderte Rinder und Pferde jagten. Dabei kam es zu einem Kulturtransfer zu den dort lebenden Ethnien, der sogenannten âAraukanisierungâ. Ein Teil der dort lebenden Tehuelche ĂŒbernahm die Pferdezucht und aus der Verbindung dieser Gruppe mit den Mapuche entstand die Araukanergruppe der Pewenche. Die neue Heimat, eine Steppenlandschaft, eignete sich ausgezeichnet fĂŒr die Viehzucht. Die Mapuche hielten dort groĂe Herden Rinder, Pferde und Schafe und kontrollierten zeitweise den Salz- und Viehhandel im gesamten sĂŒdlichen SĂŒdamerika.cite-ref-motz-10-1[10]
Im Jahr 1803 fand mit dem Parlamento de Negrete eine Zusammenkunft von ĂŒber 3000 Mapuche â darunter rund 200 StammesfĂŒhrer â mit den Vertretern der spanischen Krone sowie der Katholischen Kirche statt. Seit der Mitte des Jahrhunderts hatten solche Beratungen die Koexistenz sowie den Handel definiert und offenen Krieg verhindert. In der BegrĂŒssung sprach der spanische Tagungsleiter vom âGehorsam gegenĂŒber dem König als gute Vasallenâ. Ein Teil der Abmachungen war, dass HĂ€uptlinge ihre Kinder die Schule der Franziskaner in ChillĂĄn besuchen lassen durften, oder der Umgang mit Dieben und Deserteuren. Die Beistandspflicht im Falle eines Angriffes fremder Nationen wurde erneuert. Eine Neuigkeit dieser Zusammenkunft war das Verbot, auslĂ€ndischen Seefahrern die Walfangjagd vor der KĂŒste zu erlauben, ferner ein EinschrĂ€nkung des Handels der vier Regionen mit der Pampas-Region (Argentinien), sowie die Duldung, respektive sogar UnterstĂŒtzung von Missionaren im Mapuche-Gebiet. Die Erlaubnis zur Missionierung war bereits im Vertrag von 1641 enthalten.cite-ref-12[12]
Die Mapuche verhielten sich mehrheitlich loyal zu den Royalisten, als der UnabhÀngigkeitskrieg nach 1818 die Region erreichte.cite-ref-13[13]
Das Königreich von Araukanien und Patagonien
Das Königreich von Araukanien und Patagonien gehört zu den skurrilsten Episoden der chilenischen Geschichte. Im Jahre 1858 reiste der französische Rechtsanwalt OrĂ©lie Antoine de Tounens nach Chile. Er war von der Idee besessen, mit den Mapuche und den Indianern Patagoniens ein eigenes Königreich zu errichten. Nach Verhandlungen mit dem Kaziken Mañil reiste er in die Region BĂo-BĂo. Mañil war inzwischen verstorben, aber sein Nachfolger QuilapĂĄn nahm ihn herzlich auf. Tounens legte den Mapuche einen selbst ausgearbeiteten Verfassungsentwurf vor und konnte die Indianer davon ĂŒberzeugen, ihn am 17. November 1860 zum âKönig von Araukanien und Patagonienâ zu wĂ€hlen. Die chilenische Regierung und andere Regierungen ignorierten ihn vorlĂ€ufig einfach. SchlieĂlich verriet ihn sein Diener Juan Rosales Baptist an die chilenischen Behörden, die ihn festnehmen lieĂen. 1862 wurde Tounens nach Frankreich abgeschoben. Trotzdem versuchte er noch mehrmals, nach SĂŒdamerika zurĂŒckzugelangen, um sein âKönigreichâ wieder aufzubauen.
Landnahme durch den unabhÀngigen chilenischen Staat
Nach 1825 hatte das unabhĂ€ngige Chile die EigenstĂ€ndigkeit der Mapuche zunĂ€chst ausdrĂŒcklich anerkannt. Erst im Rahmen der 1861 â ausgelöst unter anderem durch die AktivitĂ€ten von Antoine de Tounens und innenpolitische Konflikte â vom PrĂ€sidenten JosĂ© JoaquĂn PĂ©rez ausgerufenen âBefriedung Araukaniensâ wurde das Mapuche-Gebiet in den 1860er Jahren sukzessive militĂ€risch besetzt und gewaltsam an Chile angegliedert. Zwar verabschiedete der chilenische Kongress am 4. Dezember 1866 ein Gesetz,cite-ref-14[14] das die Eigentumsrechte der Mapuche im âIndigenen Territoriumâ anerkannte, und setzte eine Expertenkommission â die Kommission fĂŒr die Landangelegenheiten der Indigenen â ein, deren Aufgabe die Abgrenzung indigener BesitztĂŒmer war.cite-ref-15[15] Bei der Besetzung wurden die Gebiete jedoch wie Staatseigentum behandelt und die Gesetzgebung blieb wirkungslos.cite-ref-16[16] Nachdem es wegen der nachlassenden militĂ€rischen PrĂ€senz wĂ€hrend des Salpeterkrieges zu neuerlichen AufstĂ€nden gekommen war, erfolgte zwischen 1881 und 1883 die endgĂŒltige Niederwerfung des Widerstand durch chilenische Truppen. AnschlieĂend brachte der Staat Siedler aus Europa in den SĂŒden Chiles und damit in die bislang von den Mapuche bewohnten Gebiete, darunter besonders viele Deutschsprachige. Vielfach rodeten die Siedler den Wald und legten Ackerland an.cite-ref-17[17] Die verbliebenen Mapuche mussten groĂe Teile ihrer angestammten SiedlungsrĂ€ume verlassen und wurden in verhĂ€ltnismĂ€Ăig kleinen Reservaten konzentriert, wo sie infolge der rĂ€umlichen Enge hĂ€ufig kein Auskommen fanden.cite-ref-18[18] Verarmung, KriminalitĂ€t, soziale Konflikte mit den europĂ€ischen Neuansiedlern und schlieĂlich Abwanderung in die StĂ€dte waren die Folge. 1934 scheiterte der letzte gröĂere Aufstand der Mapuche bei Ranquil.
20. Jahrhundert
Bedingt durch den Verlust ihres Landes an GroĂgrundbesitzer (latifundistas) und Holzfirmen wanderten im 20. Jahrhundert viele Mapuche in die StĂ€dte ab, etwa 40 Prozent leben heute in der chilenischen Hauptstadt Santiago, in Temuco und anderen BallungsrĂ€umen. Gewisse Verbesserungen ergaben sich fĂŒr die Mapuche unter der Regierung Salvador Allendes, der die massive Enteignung von Landwirtschaftsbetrieben vorantrieb, was zur RĂŒckgabe von Land an die Bewohner fĂŒhrte. Auch war geplant, zweisprachigen Schulunterricht zu ermöglichen.
Unter der Pinochet-Diktatur wurde die Enteignung der GroĂgrundbesitzer jedoch wieder rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Zudem folgte als schwerer Eingriff in die Lebensweise der Mapuche 1976 die Abschaffung des Gemeineigentums, was nicht nur die Enteignung der Mapuche-Gemeinschaften bedeutete, sondern auch, dass Einzelpersonen ihr Land â im Gegensatz zum seit hundert Jahren praktizierten Gemeineigentum â an GlĂ€ubiger verlieren konnten.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]cite-ref-21[21]
Zu Billigpreisen kauften die Holzkonzerne in der Amtszeit Pinochets natĂŒrliche WĂ€ldercite-ref-global-22-0[22]cite-ref-23[23] und Ackergebiete auf und verwandelten sie in Holzplantagen. Indigenendörfer und Bauernhöfe, die nicht weichen wollten, wurden zu Inseln inmitten von Holzplantagen.cite-ref-0-3-1[3] Im weiteren Verlauf wurden im Gebirge zwischen den Regionen Bio BĂo und AraucanĂa in den 25 Jahren zwischen 1986 und 2011 ein Drittel der natĂŒrlichen WĂ€lder durch Holzmonokulturen ersetzt.cite-ref-global-22-1[22] Ab 1993 wurde der RĂo BĂo BĂo in drei Kraftwerken aufgestaut, was weite Landstriche des Mapuche-Landes unter Wasser setzte.
Das Ende der Pinochet-Diktatur hatte keine Besserung gebracht: Die demokratischen Regierungen ĂŒbernahmen das Wirtschaftsmodell Pinochets, das auf dem Export von Rohstoffen beruhte. Zahlreiche Indigenenfamilien flĂŒchteten in der Folge in die StĂ€dte, auch weil sie der Ackerbau nicht mehr ernĂ€hrte. Alkoholismus, Prostitution und Verbrechen verbreiteten sich.cite-ref-0-3-2[3]
1993 wurde das Gesetz zu Standards fĂŒr den Schutz, die Förderung und die Entwicklung indigener Völker verabschiedet.cite-ref-24[24] Das Gesetz erkannte indigene Völker lediglich als âethnische Gruppenâ an und ging nicht auf ihre territorialen Forderungen ein. In jener Zeit entstand die Gruppierung Aukin Ngulam Wallmapu, der âRat aller LĂ€nderâ. Die Bewegung propagiert Selbstbestimmung sowie die verfassungsrechtliche Anerkennung und die Erlangung territorialer politischer Autonomie. Die zukĂŒnftige Coordinadora Arauco-Malleco (CAM) ab 1998 entstand aus einer Abspaltung der 1996 gegrĂŒndeten Coordinadora Territorial Lafquenche (CTL)cite-ref-25[25] und verfolgte Gewalt als einzige Strategie. Die Identidad Territorial Lafkenche besteht in zwei Provinzen der KĂŒste. In der Folgezeit brachte der Staat das âAnti-Terror-Gesetzâ, das 1984 wĂ€hrend der MilitĂ€rregierung entstanden war, zur Anwendung. Weitere Mapuche-Bewegungen entstanden in den 2010er Jahren.cite-ref-26[26]
In nationalistischen Kreisen Chiles wird die Existenz des Mapuche-Volkes bis heute regelmĂ€Ăig geleugnet; es sei, so eine gĂ€ngige These, durch âVermischungâ (mestizaje) in der Gesamtbevölkerung aufgegangen. Bezeichnend ist der Ausspruch Pinochets: âEs gibt keine Ureinwohner, wir sind alle Chilenen.â Dagegen betonen die meisten Vertreter der Mapuche-Gemeinschaften (comunidades) ihre EigenstĂ€ndigkeit und zumindest die Radikaleren unter ihnen lehnen es ab, sich als Chilenen zu bezeichnen. Historisch bedingte gegenseitige Vorbehalte prĂ€gen das VerhĂ€ltnis zwischen den Kulturen der Mapuche und der WeiĂen teilweise bis heute.
21. Jahrhundert
Der chilenische Zensus von 2002 ergab 604.349 Mapuche auf chilenischem Staatsgebiet (928.500 im Jahre 1992). Inwieweit dieser RĂŒckgang Assimilierungseffekte widerspiegelt oder auf Erhebungstechniken zurĂŒckgeht, ist umstritten. Die ursprĂŒngliche Sprache der Mapuche, das Mapudungun, wird in Chile nur noch von etwa 260.000 Menschen verstanden. In Argentinien belĂ€uft sich die Mapuche-Bevölkerung auf ungefĂ€hr 250.000 Menschen, von denen ca. 10.000 Mapudungun verstehen. Die Alphabetisierungsrate sowohl in der Amtssprache Spanisch als auch in Mapudungun ist sehr gering. Das Gros der Mapuche lebt in einfachen VerhĂ€ltnissen. MĂ€nner arbeiten hĂ€ufig als Gelegenheitsarbeiter, zum Beispiel in der Landwirtschaft, Frauen oft als Hausangestellte in HĂ€usern der Oberschicht.
Seit Jahren ist das VerhĂ€ltnis zwischen Mapuche, die den GroĂteil der indigenen Bewegung in Chile ausmachen, und dem chilenischen Staat durch Landrechtskonflikte zerrĂŒttet.cite-ref-0-3-3[3] Mittlerweile gab es in gewissem Umfang LandrĂŒckgaben, aber auch neue Konflikte und umstrittene Gerichtsurteile gegen militante Mapuche-Angehörige. Die rechtliche Stellung ist auch deshalb schwierig, weil die chilenische Verfassung indigenen Gruppen (anders als in den meisten sĂŒdamerikanischen LĂ€ndern) keine ethnisch-kulturelle Sonderstellung einrĂ€umt.
Microsoft beabsichtigte Presseberichten zufolge, eine Version von Windows XP in Mapudungun zu veröffentlichen. Im November 2006 wurde bekannt, dass die FĂŒhrer der Indianer daraufhin wegen Verletzung geistigen Eigentums gegen Microsoft klagen wollten.cite-ref-winfuture-28671-27-0[27]
2008 flammte der Konflikt um die natĂŒrlichen Ressourcen Wald und Wasser erneut auf. Um ihre Interessen zu verteidigen und die teils tausend Jahre alten AraukarienwĂ€lder vor der Verarbeitung zu Cellulose zu bewahren, besetzten Aktivisten Farmen und setzten Lastwagen von HolzfĂ€llern in Brand. Bei dem Versuch einer Farmbesetzung wurde ein 22-jĂ€hriger Aktivist bei Auseinandersetzungen mit der Polizei getötetcite-ref-der-spiegel-6-1[6]
PrĂ€sidentin Michelle Bachelet bat im Jahr 2017 um Vergebung fĂŒr die âFehler und GrĂ€ueltatenâ, die der chilenische Staat in seinen Beziehungen zu den Mapuche-Gemeinschaften begangen hatte.cite-ref-seixlacksilva-28-0[28]
Immer wieder, mit jeder Ermordung auf beiden Seiten (bspw. der des Aktivisten Camilo Catrillanca im Jahr 2018cite-ref-29[29]) brechen die Konflikte zwischen den Mapuche und der Polizei und dem MilitÀr Chiles von Neuem auf.cite-ref-0-3-4[3] 2019 reichten Vertreter der Mapuche beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) eine Petition ein, worin sie Chile und Argentinien Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwarfen und den IStGH aufforderten, dagegen vorzugehen.cite-ref-30[30]
Im Oktober 2020 stimmte Chile fĂŒr eine neue Verfassung.cite-ref-31[31] FĂŒr die Verfassungsreform tagte von September 2021 bis Juli 2022 der Verfassungskonvent, in welchem 11 Prozent der Sitze fĂŒr indigene Personen reserviert waren. Eine Akademikerin mit Mapuche-Vorfahren wurde zur ersten Vorsitzenden ernannt.cite-ref-32[32] Der Konvent schlug Selbstverwaltung fĂŒr indigene Völker in einem âplurinationalenâ Staat vor, beinhaltend separate Gerichtssysteme, garantierte Sitze fĂŒr indigene Gemeinschaften im nationalen Parlament und LandrĂŒckgabe. Die WĂ€hler lehnten die vorgeschlagene Verfassung jedoch in einem landesweiten Referendum deutlich ab, unter anderem aufgrund dieser Reformen.cite-ref-seixlacksilva-28-1[28] Nicht alle Mapuche beteiligten sich; Radikale Gruppen hatten gar nicht an dem Konvent teilgenommen, zudem gibt es in den Mapuche-Kommunen evangelikale und pfingstkirchliche Gruppen.cite-ref-seixlacksilva-28-2[28]
Stand 2021 waren ĂŒber zwei Millionen Hektar natĂŒrlicher Araukarien- und MischwĂ€lder von Holzkonzernen gefĂ€llt und mit schnell wachsendem Eukalyptus und Kiefern bepflanzt worden. Als Reaktion stecken die Mapuche Bulldozer, Fahrzeuge, LagerhĂ€user und VerwaltungsgebĂ€ude der Holzfirmen in Brand, errichten StraĂensperren und attackieren Siedler und Polizisten.cite-ref-0-3-5[3] Im Oktober 2021 verhĂ€ngte PrĂ€sident Piñera ĂŒber vier Provinzen den Ausnahmezustand.cite-ref-33[33]
Bei seiner Antrittsrede bekrĂ€ftigte der neue PrĂ€sident Gabriel Boric im Juni 2022: âWir wissen, dass die RĂŒckgabe des Landes eine der dringlichsten Forderungen der indigenen Völker istâ.cite-ref-34[34]
Ab MĂ€rz 2023 wurden von der von Boric initiierten Kommission fĂŒr Frieden und VerstĂ€ndigung Landforderungen der Mapuche systematisch aufgenommen, um Mechanismen zur LandrĂŒckgabe zu entwickeln.cite-ref-bpb-4-1[4] Zu den 21 Empfehlungen ihres Berichts gehörten die verfassungsrechtliche Anerkennung, die Wiederbelebung indigener Sprachen und Aspekte politische ReprĂ€sentation. Neu waren VorschlĂ€ge von EntschĂ€digungen fĂŒr alle Gewaltopfer. Diese MaĂnahmen wurden von sieben der acht Kommissionsmitglieder unterstĂŒtzt, darunter auch ein Mitglied der Republikanischen Partei, welches laut eigenen Angaben von der Partei unter Druck gesetzt worden war und daraufhin zurĂŒcktrat. Eine AusfĂŒhrung der Empfehlungen war aufgrund der anstehenden Wahlen 2025 schon bei der PrĂ€sentation unwahrscheinlich,cite-ref-35[35] trotz der ErlĂ€uterungen des noch amtierenden PrĂ€sidenten Boric,cite-ref-36[36] die als Marschplan aufgefasst worden waren.cite-ref-37[37]
Religion und Mythologie
Der oberste Gott der Mapuche â allmĂ€chtiger Schöpfer und Sonnengottcite-ref-lindig-u-m-nzel-2-3[2] â ist Gynechen (span. NgenechĂ©n). FĂŒr die Mapuche ist er zugleich Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Neben ihm heilt eine âFreundin der Sonneâ Krankheiten der Menschen und es werden Sterngottheiten verehrt.cite-ref-lindig-u-m-nzel-2-4[2] Der Osten und der SĂŒden sind den Mapuche heilig, da von dort die guten Winde kommen. Auch das Blau des Himmels ist heilig. Ein Huecuvus ist in der Mythologie ein böser Geist, der zum Beispiel als Wirbelwind erscheint und Krankheiten bringt. Die heiligen Tiere der Mapuche sind die Pferde, die hauptsĂ€chlich zum Reiten verwendet werden und die man an hohen Feiertagen wie dem Gilhatun (span. NgillatĂșn) auch schlachtet und verspeist.
Das gröĂte Fest des Jahres ist das sogenannte We Tripantu, das neue Jahr der Mapuche, das jeweils am kĂŒrzesten Tag im Jahr gefeiert wird. Dem Tag, an dem die Sonne sich ausruht und der Mond die Rolle der Sonne ĂŒbernimmt, damit die Sonne sich ausruhen kann und gestĂ€rkt fĂŒr ein neues Jahr wieder erscheint. Die Mapuche baden sich jeweils im Morgengrauen in den GewĂ€ssern, um sich zu reinigen, weil die GewĂ€sser an diesem Tag am wĂ€rmsten sind.
Das wichtigste Ritual der Mapuche ist der Gilhatun. Das kleine Gilhatun findet jĂ€hrlich, das groĂe alle vier Jahre um die Weihnachtszeit statt. FĂŒr die Mapuche kommt alles paarweise vor, Gut und Böse, Mann und Frau etc. Es ist ein Bitt- und Dankesritual, das mehrere Tage dauern kann. Dabei wird Gynechen fĂŒr die vergangenen Jahre gedankt, böse Geister werden vertriebencite-ref-lindig-u-m-nzel-2-5[2] und gleichzeitig wird fĂŒr die nĂ€chsten Jahre, fĂŒr Fruchtbarkeit fĂŒr Ernte und Vieh, gutes Wetter und Reichtumcite-ref-lindig-u-m-nzel-2-6[2] gebetet. Dem Gilhatun kommt auch eine groĂe soziale Bedeutung zu, da es das Ritual ist, in dem jeweils die Gemeinde zusammenkommt und die Tage zusammen verbringt, wobei den bekannten Familien und Menschen die Ehre erwiesen wird, indem man mit ihnen Essen teilt, typischerweise ein StĂŒck Fleisch (Pferd, Schwein, Rind oder Schaf, gekocht oder gegrillt) und ein StĂŒck iwiñ kofke, ein in Pferdefett frittiertes Brot. Nicht selten schlachtet eine Familie mindestens ein Pferd und ein Schwein, um alle GĂ€ste und Bekannte bedienen zu können. Das Fest verbindet Elemente des europĂ€ischen Neujahrsfestes mit einer eindrucksvollen Darstellung der traditionellen araukanischen Reiterkultur: Man errichtet einen rustikalen Altar, den man in feierlicher Prozession umreitet, immer rascher, schlieĂlich in vollem Galopp. Zudem werden LĂ€mmer geopfert, deren Blut man in SchĂŒsseln auf dem Altar Gott anbietet. Zuletzt wird in groĂen Mengen Chicha (Mais- oder Apfelbier) getrunken. Zu diesem Fest gehört auch zumeist der Auftritt einer Machi. Sie erklimmt einen treppenartig eingekerbten mannshohen Holzklotz, Symbol der Himmelsleiter, auf welcher sie ins Jenseits zu den Göttern gelangt. Auf der Schamanentrommel kultrĂșn schlagend, dreht sie sich auf der Spitze der Leiter so lange um sich selbst, bis sie in Trance fĂ€llt. Sie stĂŒrzt schlieĂlich zu Boden, bleibt eine Weile wie tot liegen und erwacht dann, um zu berichten, was sie von Gott erfahren hat und ob er mit den Opfern und Gebeten zufrieden ist.
Dieses Ritual von Jenseitsreisen, die zum Teil noch von Hilfsgeistern begleitet werden und in Ekstase stattfinden, die Taten in der Geisterwelt, die Berufung der Machi durch Gott, die mehrjĂ€hrige Lehrzeit, die Form und Bedeutung der Trommel und das zentrale Symbol der Himmelsleiter erinnert so stark an Konzepte des sibirischen Schamanismus, dass der Begriff Schamanismus in Zusammenhang mit den Mapuche hĂ€ufig genannt wird â obwohl es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um eine zufĂ€llige analoge Entwicklung handeln kann.cite-ref-lindig-u-m-nzel-2-7[2] Hier homologe BezĂŒge zu Sibirien herzustellen, gilt heute als höchst spekulativ.cite-ref-38[38]
Nach den laufenden Erhebungen des evangelikal-fundamentalistisch ausgerichteten Bekehrungsnetzwerkes Joshua Project bekennen sich heute noch 19 Prozent der Mapuche offiziell zur traditionellen Religion, etwa zehn Prozent sind nicht religiös und 71 Prozent nennen sich Christen.cite-ref-39[39] Allerdings ist das âMapuche-Christentumâ in der Praxis vielmehr eine synchretistische Mischreligion. Die klassischen Rituale und die (oder der) Machi haben weiterhin eine zentrale Bedeutung.cite-ref-40[40]cite-ref-41[41] 80 Prozent aller heutigen Machi sind Frauen.cite-ref-lindig-u-m-nzel-2-8[2]
Kultur
Kalender
Die Mapuche haben ein eigenes Kalendersystem, das aus 13 Monaten zu je 28 Tagen besteht; es zĂ€hlen sechs Monate von Sommer bis Winter und sieben Monate von Winter bis Sommer. Der Jahreswechsel findet am 24. Juni, zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende auf der SĂŒdhalbkugel, statt.cite-ref-42[42]
Handwerk
Bekannt sind die Mapuche fĂŒr ihre Silberschmiedekunst, die sich allerdings erst im 17. Jahrhundert voll entfaltete. Jedes SchmuckstĂŒck hat seinen eigenen Namen und seine eigene magische Bedeutung. Auch erwĂ€hnenswert sind daneben Weberei (hierbei die besonderen Formen und Farben der Mapuche), Töpferei, Schnitzerei und das Steinmetzhandwerk.
Hausbau
Die Mapuche lebten frĂŒher in groĂen HĂ€usern aus Holz und Grassoden, die Ruka genannt wurden. Der FuĂboden blieb naturbelassen, da die Mapuche die Erde als Mutter ansehen und nichts zwischen sich und der Erde haben wollten. Eine Ruka hat keine Fenster und die TĂŒröffnung wies immer Richtung Osten. In der Mitte befand sich stets das Feuer, dem die Mapuche heilende KrĂ€fte zuschreiben. Inzwischen leben auch die Mapuche auf dem Land zumeist in HĂ€usern nach europĂ€ischem Vorbild, wobei auch hier oft darauf geachtet wird, die TĂŒröffnung Richtung Osten beizubehalten.
Kleidung
Traditionell tragen die Frauen den Chamalh oder Kemalh, ein viereckiges, schwarzes Tuch, das man um den Körper wickelt und ein Ende ĂŒber die Schulter zieht. Ăber den Schultern tragen die Frauen das ekulh, ein â ebenfalls schwarzes â UmhĂ€ngetuch mit blauen Ecken. Um die HĂŒfte trĂ€gt man eine reich verzierte SchĂ€rpe.
MĂ€nner tragen die Chiripa â eine Art dreiviertellange Hose â und einen fein gewebten Poncho mit Verzierungen. Beide Geschlechter tragen StirnbĂ€nder. Heute wird diese Kleidung hauptsĂ€chlich von den Ă€lteren Generationen und zu Festlichkeiten getragen.
Landwirtschaft
Die traditionelle Form der Landwirtschaft ist bei den Mapuche seit dem 17./18. Jahrhundert die Landwechselwirtschaft mit Kartoffeln, Weizen, Quinoa, Bohnen und Chili auf Allmenden.cite-ref-43[43] FrĂŒher kam noch die Jagd und das Sammeln wilder FrĂŒchte (vor allem von der Araukarie) hinzu.
Literatur
Die mĂŒndlich ĂŒberlieferte Literaturtradition hat bei den Mapuche einen hohen Stellenwert. Seit den 1920er und verstĂ€rkt den 1960er Jahren erlebt auch die verschriftlichte Literatur der Mapuche eine BlĂŒtezeit. Zu erwĂ€hnen sind Autoren wie Elicura Chihailaf, Jaime Luis HuenĂșn und Leonel Lienlaf unter anderen. Charakteristisch fĂŒr die neuere Mapuche-Literatur ist der interkulturelle Zwiespalt der Autoren.cite-ref-44[44] 2020 erhielt Elicura Chihuailaf, der sowohl in spanischer Sprache als auch in Mapudungun schreibt, den Premio nacional de literatura de Chile.
Musik
Die traditionelle Mapuche-Musik gehört hauptsĂ€chlich zum religiösen Bereich; daneben gibt es Liebeslieder und GesĂ€nge ĂŒber die Heimat. Es werden Perkussionsinstrumente verwendet, z. B. ausschlieĂlich fĂŒr den rituellen Gebrauch die kultrĂșn (eine flache Kesseltrommel, die als Schamanentrommel verwendet wird) und die cascahuillas (Schellen). Zwei weitere charakteristische Instrumente sind die trutruka, eine Naturtrompete, die aus dem Rohr einer Bambusart (colihue) und einem MundstĂŒck besteht, die Ă€hnliche nolkin, deren Ton jedoch durch Ansaugen von Luft aus der Röhre produziert wird, und die Maultrommel trompe. Herausragende SĂ€ngerinnen der Mapuche-Musik sind AimĂ© Paine und Nancy San Martin.
Siehe auch
Literatur
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âą Joanna Crow: The Mapuche in Modern Chile: A Cultural History. University Press of Florida, 2013.
âą Stefan Eim: The Conceptualisation of Mapuche Religion in Colonial Chile (1545â1787). (Dissertation) UniversitĂ€t Heidelberg, 2010 (bei heiDOK)
âą Sebastian Garbe: SolidaritĂ€t mit Wallmapu. Der transnationale Widerstand der Mapuche. Unrast, MĂŒnster 2024, ISBN 978-3-89771-189-1.
⹠Carmen Arellano Hoffmann, Hermann Holzbauer, Roswitha Kramer (Hrsg.): Die Mapuche und die Republik Chile. Pater Siegfried von FrauenhÀusl und das Parlament der Mapuche von 1907 in Coz Coz. Harrassowitz, Wiesbaden 2006. ISBN 3-447-05270-8.
âą Olaf Kaltmeier: Marichiweu! Zehnmal werden wir siegen! Eine Rekonstruktion der aktuellen Mapuche-Bewegung in Chile aus der Dialektik von Herrschaft und Widerstand seit der Conquista. Edition ITP-Kompass, MĂŒnster 2004, ISBN 978-3-9809421-0-2 (bei academia.edu)
âą Ricardo E. Latcham: Die Kriegskunst der Araucanos. Junius, Hamburg 1988. ISBN 3-88506-403-0.
âą Rainer Lucht: âWir wollen unsere IdentitĂ€t bewahrenâ. Mapucheorganisationen und ihre Positionen im heutigen Chile. Lit, MĂŒnster 1999. ISBN 3-8258-4297-5.
âą Elke Rahausen: Die Comunidad im Wandel. Zur Situation und Integration der Mapuche-Kleinbauern in der chilenischen Wirtschaft und Gesellschaft. Shaker Verlag, Aachen 2003. ISBN 3-8322-2124-7.
âą Helmut Schindler: Bauern und Reiterkrieger. Die Mapuche-Indianer im SĂŒden Amerikas. Hirmer, MĂŒnchen 1990. ISBN 3-7774-5240-8.
âą Jens Schneider: Newen Domo â âDie Kraft der Frauenâ. Frauen in der Mapuchebewegung in Chile. Lit, MĂŒnster 1993. ISBN 3-89473-644-5.
Weblinks
Commons
: Mapuche people
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Literatur ĂŒber die Mapuche im Katalog des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin
âą Dossiers der Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker:
âą Kommentar zur Situation der Mapuche (September 2003)
âą Die Mapuche in Chile: Zwischen staatlicher Repression und Widerstand (Oktober 2013)
âą Mapuche International (politisch agierende Mapuche-Organisation)
Einzelnachweise
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cite-note-55. â Mirco Lomoth: Mapuche, Forstunternehmen und Staat: Ein Streitfall aus dem heutigen Chile. Leipziger UniversitĂ€tsverlag, Leipzig 2007.
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